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 Betreff des Beitrags: Mahlers Zeitgenossen
BeitragVerfasst: Sonntag 29. Juni 2008, 13:26 
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Gerade habe ich eine Aufnahme der 4. Symphonie Gustav Mahlers mit Jo Vincent / Concertgebouw Orchestra / Willem Mengelberg aus dem Jahre 1939 angehört (in der 10 CD Box MAHLER Ein Portrait Documents/TIM). Mahler soll in dem niederländischen Dirigenten (1871-1951) des Amsterdamer Concertgebouw und (von 1921-1929) des New York Philharmonic seinen viell. einfühlsamsten Interpreten gesehen haben.
Zumindest unter neueren, "guten" Abspielbedinungen -Yamaha-Player (CDX-497) und auf vier 3-/2-Wege-Lautsprecher verteilt - erkennt man recht gut, dass hier ein hochwertiges Orchester mit sehr differenziertem, abwechslungreichen Klang spielt. Das Dirigat ist tatsächlich detailliert kontrastvoll und einfühlsam, eher langsam, aber immer sehr folgerichtig nachvollziehbar. Auch im Kopfsatz gibts hier keine klischeehaft-harmlose, schnelle Schlittenfahrt.
Der Gesang ist (unter diesen [Abspiel-]Bedingungen) hörbar, meines Erachtens aber relativ schwer und ernst gesungen, aber darin z.B. sicher noch übertroffen von Schwarzkopf/Klemperer in der Studioaufnahme. Wie wollte das Gustav Mahler nun?
In derselben Box gibts eine Zweite mit der Berliner Staatskapelle und dem Mahler "Schützling" Oskar Fried von 1924, die wieder ganz anders sein soll als die Aufnahmen sowohl von Klemperer als auch Walter :!: , und der ich jetzt noch gespannt entgegensehe.
Allerdings sind diese Aufnahmen wirklich absolut historisch und auch ich würde sie aufgr. der Klangeinschränkungen nicht besonders häufig hören. Das wäre auch viell. nicht angemessen?
Die Mengelberg-Interpretation erinnert mich im Duktus aber am ehesten an die als eine Referenzaufn. gekürte Studio-Aufnahme mit Judith Raskin, Cleveland Orchestra, George Szell (Sony, 1965) :)

Diese legendäre, nicht direkt historische Aufnahme (1965) hat meines Erachtens Ähnlichkeit mit Mengelberg (1939) und gilt als Referenzaufnahme, während die zurzeit im Handel erhältliche Aufnahme der Sechsten Mahlers mit Szell nicht so unumstritten ist.



Zum Lebenslauf von George Szell:
http://www.wiener-symphoniker.at/dirsol/lszell_d.htm oder
http://www.zeit.de/1970/32/Georg-Szell


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 Betreff des Beitrags: Re: Mahlers Zeitgenossen
BeitragVerfasst: Sonntag 7. Dezember 2008, 14:40 
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Registriert: Dienstag 1. Juli 2008, 23:59
Beiträge: 632
aaltenb hat geschrieben:
In derselben Box gibts eine Zweite mit der Berliner Staatskapelle und dem Mahler "Schützling" Oskar Fried von 1924, die wieder ganz anders sein soll als die Aufnahmen sowohl von Klemperer als auch Walter :!: , und der ich jetzt noch gespannt entgegensehe.
Allerdings sind diese Aufnahmen wirklich absolut historisch und auch ich würde sie aufgr. der Klangeinschränkungen nicht besonders häufig hören.


Nun hatte ich mal die Muße, mich der Aufnahme der 2.Symphonie mit Gertrud Bindernagel, Sopr., Emmi Leisner, Alt, Berliner Staatskapelle, Oskar Fried, Dir. (Aufn. 1924, von Documents/TIM) anzunehmen.
Zunächst fallen natürl. die rauschenden Nebengeräusche auf - unüberhörbar u. nach meinem Eindruck beinahe 1/4 so laut wie die Musik selbst. Fried nimmt die Tempi i.d.R. relativ schnell und "verzögert" z.B. im 1.Satz, anders als Bernstein, Kubelik oder geringer Walter, sowie zu Beginn des 5.Satzes nicht. "Urlicht" gerät betont gefühlvoll u. eher langsam. Bei den leiseren Passagen (5.Satz) wird aber in Ruhe "durchgeatmet", wodurch reizvolle Akzente bes. in diesem letzten Satz aufgebaut werden und ein im Vgl. zu manchen neuen Einspielungen oder Aufführungen geistvolles, quasi "eigenständiges" Niveau signalisiert wird. Durch eine zwar nur etappenweise, dafür sehr betonte Langsamkeit im letzten Satz wird die transzendente Dimension betont. Der Chor klingt an manchen Stellen dünn, steigert sich aber u. freilich klingt das ganze nach "dokumentarischem" Tonmaterial aus Vorkriegszeiten.

Dagegen erscheint die Tonqualität bzw. die Interpretation der auf der 2.CD (bei Documents) angefügten Kindertotenlieder (Kathleen Ferrier, Alt, Wiener Philharmoniker, Bruno Walter, Dir., 1949) geradezu spektakulär u. einzigartig: Kathleen Ferriers Interpretation, die klangtechnisch in den Vordergrund gesetzt wurde, kann sich der Hörer emotional kaum entziehen. Fast zuviel wird man von der ihr eigenen melancholischen Darbietung und Stimmgewalt "gefangen" genommen - auch vor dem Hintergrund, dass Mahler keineswegs "unglücklich" gewesen sein dürfte, als er die Lieder schrieb. Die Lieder brauchen vielleicht nicht gleich so oberflächlich schön wie von Thomas Hampson (mit WPO, Leonard Bernstein, DG) gesungen werden, so dass man den Eindruck bekommt, dass Interpret und Komponist irgendwo im "Niemandsland der Kunst" trotz noch so verschiedener Charaktere aufeinandergetroffen sind, obwohl es bekanntlich für diese Aufnahme sehr viel Lob gab :evil: . Aber eine leicht distanzierte Herangehensweise wie bei Dietrich Fischer-Dieskau, Berliner Philharmoniker, Karl Böhm (DG) oder Waltraud Meier, Orchestre de Paris, Daniel Barenboim (Warner) würde ich im Allgemeinen den Vorzug geben. Dietrich Fischer-Dieskau wird mehr zum singenden Rezitator, der sich fast bewusst scheint den Inhalt der Lieder als Mediator nur unzulänglich wiedergeben zu können (so wie es ein Vater dem Unfassbaren gegenüberstehend auch kaum könnte), und Karl Böhm fühlte sich für Mahler zu alt. Gerade auf der Kippe befindlich, an der Grenze zum eigenen Vermögen packen diese beiden Autoritäten es dann doch sachkundig mit Mahler. Eine angemessenere oder objektiv bessere, auf alle Eigenwilligkeiten verzichtende Orchesterbegleitung als mit Karl Böhm habe zumindest ich bei den Kindertotenliedern nie gehört. Deshalb hatte ich Ausschau gehalten nach anderen Mahler-Aufnahmen mit Böhm, bis ich feststellte, dass es keine gibt. Das Aquarell (Cover) ist übrigens von Dietrich Fischer-Dieskau.
Dagegen hat es im Falle Waltraud Meiers den Anschein, als ob sie einfacher zu einem vorbildlichen Ergebnis gelangt sei. "Sunnyboy" Hampson kann zu den Kindertotenliedern neben, trotz oder wegen Leonard Bernstein kein eigenes ebenbürtiges Profil beisteuern als seinen formell richtigen und vor allem schönen Gesang.












bzw. jpc
Als preiswerte, mehr solide als künstlerisch außergewöhnliche oder gar existentielle Alternative tut es m.E. übrigens auch diese Lied-CD mit Siegfried Lorenz (Bariton), Kurt Masur, Otmar Suitner (edel, Spielzeit 79:15). Stimmlich erinnert Siegfried Lorenz oft an Dietrich Fischer-Dieskau, interpretiert aber i.d.R. etwas "schlichter". Zum Kennenlernen und unter dem Aspekt des Preises geht das wohl ...






Fazit zu den Kindertotenliedern: Wenn ich eine Bewertung von 5 maximalen Sternen voraussetze, würde ich unter Brücksichtigung der guten verfügbaren diskografischen Gesamtauswahl für Ferrier (auch unter Berücksichtigung der schlechteren Tonqualität) 4 Sterne und Fischer-Dieskau noch knapp 4 Sterne, für Waltraud Meier 5 Sterne, für Hampson 2 und für Lorenz gute 3 Sterne geben.
Hervorzuheben bleibt die hervorragende Orchesterbegleitung mit BPO/Böhm (Fischer-Dieskau) und Orchestre de Paris/Barenboim (Meier), die mir für sich genommen 5 Sterne wert gewesen wären. Natürlich erscheint eine Punktevergabe in Anbetracht des hohen Niveaus aller genannten Aufnahmen schonungslos, soll aber hier dazu dienen a) für den Erstkäufer sich zurechtzufinden und b) meine persönliche Betrachtung zu veranschaulichen. Am Ende könnte man beispielsweise die preiswerte Waltraud-Meier-CD bei Elatus/Warner (auch wegen der Wesendonck-Lieder) + Siegfried-Lorenz-CD (wegen des Programmes und bei Nichtverfügbarkeit der DG-Aufn. mit Fischer-Dieskau) zum Einstieg kombinieren; Kathleen Ferrier bleibt für den Ferrier- und/oder Mahler-Fan reizvoll.


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 Betreff des Beitrags: Re: Mahlers Zeitgenossen
BeitragVerfasst: Donnerstag 14. Mai 2009, 21:18 
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Beiträge: 632


Wieder zu Mahler und Ferrier/Walter (Vgl. der bekannten Studio-Aufnahme mit einer Live-Aufnahme aus der Carnegie Hall des Liedes von der Erde):

Das Lied von der Erde ist künstlerisch für mich eigentlich interessanter in einer Aufnahme mit Ferrier, Svanholm, New York PO von 1948, aber die Tonqualität ist praktisch nur im letzten, bedeutendsten und längsten Satz, dem Abschied, überhaupt erträglich. Hier wird man aber belohnt: Die Tragik dieses Titels wird noch nicht so sehr von Ferriers persönlichem Schicksal und ihrem tragisch-melancholischen Ausdruck so sehr untermalt, denn sie wusste zum Zeitpunkt der späteren Decca-Aufnahme 1952, dass sie nicht mehr lange leben würde. Die Wiener Philharmoniker klingen außerdem auch in der Decca-Aufn. 1952 rel. "flach". Gerade beim Abschied bestimmt auch der Dirigent das Gelingen maßgeblich mit - und das hört man auch in der Aufnahme von 1948 bereits mit dem einsetzenden Gong zu Beginn von "Der Abschied". Somit ist dieser Titel für besonders Interessierte ein Erlebnis und gar nicht zu vergleichen mit Christa Ludwig (EMI), die zweifellos "gut" interpretiert.

PS.: In der ganz oben gezeigten Mahler Documents-Box ist meines Erachtens die Klangqualität der Aufn. von 1952 doch schlechter als in der gezeigten Decca-Originalausgabe - war damals AAD, wobei erneut remastert wurde (kenne ich aber nicht):


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